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Urs Augstburger über Gatto Dileo, Secondos und den Klang der ersten Liebe.

R.B. Wer ist Gatto Dileo?
U.A. Die klassische Figur am Scheideweg. Vergleichbar mit dem Singer/Songwriter Calvin Russell, der im Song «Crossroads» an derselben Kreuzung steht. Eine Strasse führt ins Paradies, eine in den Schmerz, eine in die Freiheit ... nur sehen dummerweise alle Strassen gleich aus.

R.B. Literatur und Musik. Wer also ist Gatto Dileo?
U.A. Literatur ist für mich und für viele meiner Generation eng mit Musik gekoppelt. Songs, canzoni sind dem Buch – und übrigens auch meinem Leben – unterlegt. Entscheidend ist eines der erwähnten Lieder: «Vita spericolata» von Vasco Rossi. Ein Schlüssellied meiner Generation. Es komprimiert in vier Minuten jenes Gefühl von Sehnsucht, das alle Figuren des Romans beherrscht. Wer Gatto Dileo sei, wolltest du wissen. Ein Rocksänger. Einer, der dieses waghalsige Leben, «La vita spericolata», ausgekostet hat. Der für den Erfolg alles verraten hat, was ihm einst heilig war. Auf dem Höhepunkt seiner Karriere zwingt ihn das chronische Erschöpfungssyndrom, auch Burnout genannt, zum Ausstieg. Er zieht sich zurück und wird gezwungen, seine unbewältigte Vergangenheit aufzuarbeiten.
R.B. Gatto Dileo, der als Junge Salvo hiess, spielte mit seinem Freund Maurizio und der Bassistin Mitra in einer Band. Der Song «Eravamo in tre» von Gatto Dileo spielt auf diese fatale Ménage à trois an. Fatal, weil sie in einer Katastrophe endete.
U.A. Hier liegt mein Hauptinteresse an der Geschichte: Was geschieht, wenn die erste grosse (Jugend-)Liebe tragisch und deshalb traumatisch endet? Was geschieht, wenn die Beteiligten fast zwanzig Jahre später von der Vergangenheit eingeholt werden?
R.B. Die erste grosse Liebe. Mehr noch: das Scheitern dieser ersten Liebe. Ich behaupte mal, dass es wohl niemanden gibt, der oder die sich nicht daran erinnert.
U.A. Was die Frau, die uns gleich den Grappa servieren wird, eben bestätigt hat! Auch sie erinnert sich und sie verbindet die Erinnerung sofort mit dem entsprechenden Song, der damals für sie wichtig war.
R.B. Ist deine Hauptfigur deshalb ein Sänger?
U.A. Vielleicht. Und weil einer wie Gatto Dileo durch seinen Erfolg zwangsläufig unter einer Glasglocke lebt. So hat er die drama-tischen Ereignisse seiner Jugendzeit auf eine ganz andere Weise verarbeitet oder verdrängt als etwa die Dritte im Bunde, seine erste grosse Liebe ...
R.B.    ... Mitra Gagliardo, die mit ihrer Tochter Anna in die Toskana reist – und damit zurück in die Vergangenheit.
U.A. Mitra ist zwangsläufig geerdeter als Gatto. Die Liebesgeschichte zwischen den beiden wird aus zwei sehr verschiedenen Blickwinkeln erzählt. Eine Geschichte, zwei Erinnerungen, die sich zu einem stimmigen Bild ergänzen ... sollte man meinen! Aber von jeder Geschichte gibt es bekanntlich drei Versionen – seine, ihre und die nackte Wahrheit. Sagt auch Don Henley, ein begnadeter Texter.
R.B. Der Roman erhält eine «dritte Dimension»: Ein Unbekannter wirft Gatto Dileo in anonymen Mails vor, Schuld am Tod seiner Tochter zu sein.
U.A. Die Vorwürfe verunsichern und berühren Gatto Dileo. Sie erinnern ihn daran, wie weit er sich von jenen Dingen entfernt hat, die das Leben ausmachen.
R.B. Die erwähnten Mails sind schon fast eine Anleitung zur Trauerarbeit.
U.A. Wie erklärst du einer Vierjährigen das Sterben ihr nahestehender Menschen? Wie beantwortest du Fragen, auf die du selbst keine Antwort weisst? Auf die es keine Antwort gibt? Ich perönlich erfand Rituale. Geschichten. Einfache Geschichten, ähnlich jenen, die der Unbekannte seiner Tochter erzählt. Sie helfen auch Gatto Dileo zu trauern. Siebzehn Jahre nach Maurizios Tod findet er in Rituale, die seine Trauer erst ermöglichen.
R.B. Zurück zur Liebesballade. Das Schicksal reisst Menschen auseinander, die ihren eigenen, nicht eigentlich selbstgewählten Weg gehen müssen. Irgendwann, viel später, gehen sie einen Weg der Erinnerung, folgen dem Klang der ersten Liebe.
U.A. «Und an den Rändern wird die Erinnerung unscharf». Gatto Dileos Worte im Roman. Nehmen wir Cortona. Cortona (www.cortona.net) war einst das Ziel meiner eigenen Maturareise. Wir fuhren im Nachtzug von Wettingen über Firenze nach Terontola und weiter mit dem Bus nach Cortona. Im Ohr die Musik von Vasco Rossi, Lucio Dalla, Francesco DeGregori, Bennato und wie sie alle hiessen ... Die Hormone und vieles andere spielten verrückt. Für Mitra und Gatto ist dieses Cortona mehr das Symbol der verlorenen Sehnsucht als eine Erinnerung.
R.B. Die Musik und die Liebe, zwei Lieblingsthemen von Urs Augstburger.
U.A. Über die Szene, in der ich mich damals herumtrieb, liesse sich sagen: Zwei waren ein Paar, drei eine Band.
R.B. Gatto Dileo spielt in einem Bergtal im Süden der Schweiz, im Tessin. Erneut eine Bergkulisse.
U.A. Mit dem letzten Buch «Schattwand» ...
R.B. ... das sich mittlerweile zum Seller entwickelt hat und demnächst in die dritte Auflage geht ...
U.A.     ...mit «Schattwand» also habe ich eine Schwäche für imposante Kulissen entwickelt. Und «Gatto Dileo» ist auf verschiedenen Ebenen eine Synthese von «Für immer ist morgen» und «Schattwand». Für mich persönlich der Abschluss einer Trilogie zu den Themen Liebe und Tod. Und wie in allen meinen Büchern tauchen Figuren, Begebenheiten aus den vorherigen wieder auf. Mir war deshalb bald klar, dass ich auch diesmal eine urtümliche Landschaft und die Unberechenbarkeiten der Natur als Kontrast zur Liebesballade wollte. In den Tessiner Seitentälern erfüllt sich, wie wir hinlänglich wissen, unsere Sehnsucht nach Italianità, und wir müssen trotzdem nicht auf das Schroffe, Rauhe, Archaische verzichten. Das Zwiespältige, die Zerrissenheit spiegelt sich einerseits in der Landschaft, andererseits in den drei Hauptfiguren, die klassische italienische Secondos sind.
R.B. Entsprechend hart war Gatto Dileos Zeit in jenem Klassenlager für sozial Mindergestellte in den Toggenburger Bergen – wo auch sein Künstlername entstanden ist.
U.A. Keiner hatte sich dort für Salvo, den «Tschingg», interessiert. Mit Ausnahme der Katze vom Nachbarshof. Zwei Wochen hat er ausschliesslich mit ihr verbracht. Sie krallt sich auch auf seiner Schulter fest, als er das Final im Tischfussballturnier gewinnt. Sie nannten ihn Gatto, nach der Katze, und Gatto ist ihm geblieben, wurde sein Markenzeichen.
R.B. Wäre einer wie er heute akzeptierter als damals, zu Beginn der Achtzigerjahre?
U.A. Glaub ich nicht. Die Schweizer lernen in solchen Dingen langsam, einige gar nie. Am Freitag reden sie einer Verschärfung des Asylrechts das Wort, am Samstag bejubeln sie die Gebrüder Yakin, weil sie die Fussballnationalmannschaft an die EM geführt haben. Ob im Fussball, in der Musik, in der Kunst – Secondos sind die kreativeren Schweizer. Darauf trinken wir jetzt unseren Grappa!
R.B. Salute! Und danke für das Gespräch.
Mehr über Urs Augstburger und sein Werk (inkl. Lesedaten, kleine Leseprobe aus «Gatto Dileo», Auszüge aus früheren Lesungen etc.) auf www.schriftsteller.net.

Dies und Das

Presse zum «Graatzug»

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