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Sasa Stanisic bespricht «Planet Obrist»

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Mit seinem Roman hat es Sasa Stanisic unter die letzten sechs für den Deutschen Buchpreis 2006 geschafft. Hier seine Rezension zum ;Planet Obrist» von Christoph Simon
zu finden als amazon.de rezension

«Christoph Simon hat eine Frage gestellt, eine einfache, die wichtigste,
und er hat um die Frage eine Antwort gesucht, und um die Antwort einen
wunderbaren Schelmenroman geschrieben.

Die Frage lautet - und besteht, wie alle guten Fragen, aus mehreren Fragen
- was ist los mit Glück, warum ist es nicht hier, wo ich bin, das Glück,
oder ist es doch, das Glück, dort, wo ich bin, aber ich sehe es nicht, das
Glück, ich fasse es nicht, ich laufe ihm entgegen, dem Glück, laufe den
Verantwortungen davon, und überhaupt: kann man dem Scharfsinn eines
ironisch-gewieften Dachses trauen?

Franz Obrist und MC (Master of Ceremonies), sein Dachs, machen sich aus
Bern auf die Reise. Es ist keine kleine Reise, es ist ein Fußmarsch in die
Mongolei, ganz nach Vorbild romantischer Helden oder wie es bei
Eichendorff unvergesslich heißt:

Wem Gott will rechte Gunst erweisen,
Den schickt er in die weite Welt,
Dem will er seine Wunder weisen
In Berg und Wald und Strom und Feld.

Franz Obrists Gott ist eine Göttin, eine Glücksgöttin, und sie ist -
vermutlich - in einer mongolischen Jurte wohnhaft. Dahin nämlich lockt ihr
Ruf den guten Franz, dahin schickt Simon seinen jungen Protagonisten (ein
Selbstmordversuch hinter sich, eine unglückliche Liebe hinter sich, ein
Bankjob hinter sich, ein WG-Leben in Bern hinter sich, ein Bär, unter
vielem anderen, vor sich). Der Weg führt durch die Schweizer-Provinz,
durch das befremdliche Österreich, durch flüchtige Liebschaften und
charmante Diebesstreifzüge immerhin bis nach Ljubljana.

Die Stationen der Reise werden von Simon mit viel Liebe zum komischen
Detail ausgemalt, das sprachlich Notizenhafte der Beobachtungen fügt sich
gut in Franz\\\' kurzen Aufenthalte unterwegs. Obrist Blick auf die Welt ist
geprägt von ironisch-romantischer Verklärung, die umso pointierter
daherkommt, je mehr er uns von seinem vergangenen Leben erzählt - von
seiner ewigen Suche nach einer wirklich lebenswerten Aufgabe, nach
Erfüllung der leeren Tage, natürlich nach Liebe. Franz\\\' Unvermögen, sich
aufzuraffen und etwas mit sich zu beginnen, ist dabei keine Studie der
beschäftigungslosen Jugend oder der reichen Gesättigten, sondern schlicht
eine Lebensphilosophie, die noch auf ihre praktische Überprüfung wartet.

In Ljubljana angekommen, verstrickt sich der Wanderer in eine schiere
Unzahl von Liebesaffären, eine kurioser als die andere. Sein
schutzbedürftiger Charme des Glücksritters im Trainingsanzug verschafft
ihm mit Leichtigkeit diese Zuneigung, deren drastischstes Ergebnis eine
ungewollte Schwangerschaft darstellt. Obrists gewollte, gesuchte
Leichtigkeit des Lebens müsste, meint man, nun eingeholt werden vom
Verantwortungssinn, und überhaupt könnte man als Leser befürchten, einen
nun allzu moralischen Diskurs über unser Commitment-Bewußtsein und
Pflichtgefühle aufgetischt zu bekommen. Simon tappt aber nicht in diese
Falle, die Auseinandersetzung seines Protagonisten mit der neuen Situation
entpuppt sich als ein durchaus ernster, aber keineswegs von moralischen
Allgemeinplätzen oder Sinnsuchermentalität oder Befindlichkeiten bedrohter
Blick auf das eigene Ich. Was folgt, ist eine sagenhaft komische
Auseinandersetzung Obrists mit seinen Liebschaften, die er alle auf einer
Abschiedsparty versammelt.

Was also Glück sei, fragt Simon nicht unbescheiden, und beantwortet das in
\\\"Planet Obrist\\\" auf eine fabulierfreudige, amüsante, pfiffig-
scharfsinnige Weise, indem er seinen \\\"Taugenichts\\\" auf die Reise schickt,
ihn aber auf dieser Reise zu sich, zum wirklich Wichtigen, nicht
unegoistischen zurückkehren läßt. Man ist sich selbst die schönste Reise,
will man nach der Lektüre eigentlich gern behaupten, wenn da nicht MC, der
Dachs, auflauern würde, mit seinem sicheren Gespür für Kitsch.

Fazit: witzige Mensch-Dachs Dialoge, ein sentimental-charmanter,
sturköpfiger Held mit einem guten Händchen für Frauen und Fettnäpfchen,
einige poetische Leckerbissen für zwischendurch und bleibende Erinnerung
an ein wirklich gutes Buch!»





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