RB: Was kann man auf 2000 Seiten erzählen, was sich nicht auch auf 100 Seiten erzählen lässt?
AS: Zwischenräume. Noch nicht Gesagtes.
RB: 9 Jahre permanente Arbeit an einem Roman. Nicht gerade eine alltägliche Unternehmung.
AS: 1964 stand schon der Titel fest: «Die Chinesische Wespe». Das war in Dublin. Dann habe ich 12 Jahre lang eine Deponie aus wichtigen Bausteinen angelegt und Pausen eingelegt.Inszenierte in der grossen Vorratskammer meines Lebens. Beschwor das Chaos. Es war nicht meine erklärte Absicht einen 2000-Seiten-Roman zu schreiben.
RB: Was ist das für ein Roman, dessen erster Teil jetzt vorliegt?
AS: Eine eminent ausgeklügelte und ausgeleuchtete Liebesgeschichte. Einbalsamiert und einbandagiert in die tränenfeuchten Windeln der Leidenschaft.
RB: Und die Hauptfigur ist eine Wespe?
AS: Die Wespe, soviel vorweggenommen, das ist ein chinesischer Mann. Das schlüsselt sich wunderbar im vierten Band auf, der 2005 erscheinen wird.
RB: Alex Sadkowsky, gibt es denn in diesem ungeheuren Roamn Hauptfiguren? Kannst du sie für uns charakterisieren?
AS: Die gibt es in der Tat. Leslie Mc-Sweeney ist eine ausserordentlich schöne Frau. Von vorn gesehen. Von der Seite betrachtet trägt sie einen Gibus (Buckel). Sie ist körperlich ein wenig entstellt. Dazu ist sie kleinwüchsig und fährt stehend Auto. In Boston belegt sie eine Professur für Kunstgeschichte. Sie ist eingewanderte Irin und trägt die ganze irische Tragödie des vorletzten Jahrhunderts in und mit sich. Sie tut sich schwer mit dem anderen Geschlecht. Sie trifft in einer Badeanstalt Allan Hertzmark und verliebt sich in ihn. Allan Hertzmark begehrt Leslie McSweeney nicht. Er ist schön. Kraushaarig, grüne Augen. Ursprünglich stammt er aus Leningrad. Er stellt künstliche Schuhe her. Das Geheimnis der Beziehung zu Leslie McSweeney besteht darin, dass er mit ihr leidet. Physisch liebt er sie bloss vom Adamsapel an aufwärts. Er lebt in New York.
RB: In deinem Roman feierst du ein wildes Fest der Farben. Literarisch einmalig.
AS: Kein Fest der Farben. Ein Fest des Eros. Als extrem sensualisierter Mensch der ich bin, bin ich genau darin verloren. Die Farben in den Wörtern geben mir die Möglichkeit diesem mächtigsten der Gefühle Architektur zu verleihen.
RB: «Geschichte einer Liebe» - der Untertitel kommt als Programm daher. Bist du selbst ein grosser Liebender oder ein an der Liebe Verzweifelnder?
AS: Ein grosser Liebender, ohne Zweifel. Ich verabscheue Mediokritäten, überall im Leben und erst recht beim Schreiben, beim Denken und Handeln.
RB: Alex Sadkowsky steht für eine schillernde Figur in der Kulturszene: Maler, Zeichner, Performer, Filmer, Poet. Fast alles an dir ist labyrinthisch, besteht aus begehbaren und zugewachsenen
Wegen. Woher stammst du?
AS: Genealogisch gesehen trage ich alle Züge eines menschlichen Cocktails an mir: Der Vater russisch-polnisch, die Mutter Schlesierin, die Grossmutter Griechin und deren Vorfahren stammten aus Ägypten. Eine uralte seelische Erschöpfung ist was mich ausmacht, die immer wieder in Glücksgefühlen mündete, wenn es mir gelingt, das da draussen zu beschreiben, zu formen.
RB: «Die Chinesische Wespe» ist bevölkert mit Kaninchen, Vögeln, Elefanten. Sie stehen für Gefühle, sind Spiegel von Emotionen. Gradlinige Erzählstränge münden unvermittelt in brillante analytische Passagen aus der Welt der Physik, der Mathematik, Horlogerie. Alex im Wunderland?
A.S. Als Zikrusdirektor meines alter Egos ziehe ich alle möglichen
Register. Die surrealen, weil es in der Realität zu billig zu und her
geht. Überhölhen, übertreiben, überzeichnen, bis hin zum lügen taugen alle Formen, eine Welt, wie ich sie meine, mit himmlischem Pfeffer zu zuckern.
R.B. Ein Schriftsteller und seine Heimaten. Zähl sie für uns auf.
A.S. Heimhat ist überall wo ich ein geistiges Zuhause habe: eine
Viertelstunde im Wallis, 15 Sekunden in Novi Sad; lang in New York, Vitznau 45 Minuten. Mexico, Amsterdam, Zürich. Meine Heimhat hat verschiedene Himmel.
R.B. ... und jetzt Südostasien ...
A.S. Nordthailand genau. Auch das begann 1960 mit einer Reise durch den Suezkanal, weiter nach Darbanga, wo ich brahmaistischen Buddhismus studierte. Und als ich 30 Jahre später zufällig nach Thailand kam, war es wie ein Heimkommen.
R.B. Ikonen in deinem Leben?
A.S. Grossen Respekt vor Charlie Chaplin, Stephen Hawking, diversesten Religionsstiftern, Alan Greenspan als Genie im grausamen Umgang mit Geld, und einigen namenlosen Frauen und Männern.
R.B. Die Chinesische Wespe ist in jedem Fall ein grosses Lesevergnügen
...
A.S. ... und ein Buch gegen das Sterben. Der Roman ist geschrieben wie ein Liebesbrief, nur für mich selbst und von dem ich trotzdem wünsche, dass ihn alle lesen werden.
R.B. Danke für das Gespräch.
|